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VIELFALT DER MODELLE IN DER ROMANDIE, ABER GEMEINSAMER RESPEKT DES ANDEREN
Mattia Piattini
Genf (sda) Die Kantone der Westschweiz haben in den letzten Jahren die Integration von behinderten Kindern in den Primarschulen stark vorangetrieben. Die Zeiten der Ausgrenzung sind mittlerweile weitgehend passé.
Gut illustrieren lässt sich der Paradigmawechsel am Kanton Genf. Dieser hat vor kurzem ein Gesetz erlassen, das die Integration von behinderten Kindern und Jugendlichen in der obligatorischen Schule fördert.
Bis dato hatte nicht nur Genf, sondern die Mehrheit der welschen Kantone, behinderte Kinder in spezialisierten Instituten untergebracht. Auf Integration setzte man nur dann, wenn ein Kind bestimmte Fähigkeiten an den Tag legte.
Der Trend zur Ausgrenzung verstärkte sich mit zunehmendem Alter der Kinder: Auf der Stufe der Mittelschule nahm die Anzahl der Schüler mit Handicap deutlich ab.
Wallis ging neue WegeIn Sachen Integration war in der Romandie das Wallis wegweisend. Eine Vorreiterrolle nahm die Stadt Martigny ein, in der sich in den 1970er Jahren Widerstand gegen die Ausgrenzung von behinderten Kindern zu regen begann.
Seit 1991 ist die schulische Integration von behinderten Kindern im Wallis gesetzlich geregelt. Pädagogisch-therapeutische Sondermassnahmen werden einzig mit dem Ziel getroffen, den Kindern eine Kompensation ihrer Handicaps zu ermöglichen.
Die Zielsetzungen werden dabei den Umständen angepasst. Kinder mit leichten Behinderungen nähern sich in Fächern wie Französisch oder Mathematik häufig den offiziellen Vorgaben. In anderen Fällen gibt man sich mit generelleren Zielen wie Wahrnehmung, Raum- und Zeitverständnis oder Motorik zufrieden.
Teil- und Vollintegration im Jura und in FreiburgIm Kanton Jura wiederum besuchen derzeit zwölf Kinder im Alter von 4 bis 8 Jahren mit physischen oder psychischen Behinderungen ganz- oder teilweise den normalen Schulbetrieb. Ziel ist es, die Behinderten dank Fördermassnahmen so gut wie möglich zu integrieren.
Ähnlich geht der Kanton Freiburg vor, wo das Integrationsprinzip seit 15 Jahren gesetzlich verankert ist. Auch hier kann die Integration ganz oder teilweise erfolgen. Die Anzahl der «integrierten Kinder» ist so von 11 im Jahre 1999 auf 195 (2008) gestiegen, wie die für die Sonderpädagogik zuständige Fouzia Rossier sagt.
Durch den im Januar 2008 in Kraft getretenen Neuen Finanzausgleich (NFA) und die damit verbundene Neuverteilung von Aufgaben hat die Einschulung von Behinderten laut Rossier neuen Schwung erhalten. In Freiburg wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bis 2011 ein neues schulisches Integrationskonzept zu erarbeiten.
Polemik in NeuenburgIm Kanton Neuenburg wiederum ist wegen der Finanzierung des Unterrichts für Behinderte ein Streit entbrannt. Der Staatsrat hat in seinem Budget für das Jahr 2009 den Gemeinden rund 15 Mio. Franken zusätzlich aufgebürdet.
Finanzdirektor Jean Studer ist der Ansicht, dass die Gemeinden mehr zu den Lohnkosten für die Lehrkräfte sowie zu allgemeinen Integrationsmassnahmen beitragen müssten.
Behinderte kämpfen für ihre RechteAls Fazit kann man folgendes festhalten: In der Westschweiz ist man sich weitgehend einig, dass die schulische Integration von Behinderten Vorteile bringt. Nichtsdestotrotz kommt es wegen der Finanzierung und des Bildungsangebots immer wieder zu Unstimmigkeiten.
Neu ist, dass sich die Behinderten mittlerweile offen gegen die verschiedenen Formen der Diskriminierung zur Wehr setzen, indem ihre Interessensvertreter in die politischen Debatten eingreifen.
Es mangelte in den letzten 30 Jahren nicht an Beispielen, die davon zeugen, dass es Behindertenorganisationen gelang, die Behörden zu einem Umdenken zu Gunsten der Integration von körperlich und geistig behinderten Kindern zu bewegen.
Kasten
INTEGRATION BEHINDERTER KINDER IN DEN REGELKLASSEN
VOM PILOTPROJEKT ZUM NORMALFALLMartigny (sda) In den 1970er Jahren lancierte Martigny ein Pilotprojekt für die schulische Integration von behinderten Kindern. Alle Kinder, auch jene mit physischem oder psychischem Handicap, besuchen seitdem den normalen Schulunterricht.
Im Schuljahr 2008/09 wurden in den fünfzehn Gemeinden der Region Martigny 69 behinderte Kinder im Alter von vier bis 18 Jahren eingeschult, wie man der Statistik des Spezialisierten Pädagogischen Zentrums (CPS) entnehmen kann.
Treibende Kräfte hinter dem Pilotprojekt in den 1970er Jahren waren Eltern. Die Gemeinde Martigny willigte schliesslich ein, jedes Kind im Alter ab vier Jahren ins Schulsystem aufzunehmen. Zusätzlich erhielten Kinder mit Problemen eine pädagogische Sonderförderung, je nach Grad ihrer Behinderung.
In einem nächsten Schritt wurden nach Absprache mit den Kantonsbehörden auch behinderte Kinder aus anderen Gemeinden der Region in das Projekt miteinbezogen.
Für Kinder mit schweren Behinderungen schuf man Sonderschulen, etwa «La Bruyère», die von einer Vereinigung von Eltern mit geistig behinderten Kindern aus der Taufe gehoben wurde.
Mit dem Bau eines dritten Schulgebäudes erreichte man 1989 eine Durchmischung. Die Klassen von «La Bruyère» sowie Kindergarten und Primarschule wurden unter einem Dach vereint.
Das Martigny-Modell machte Schule: Ab 1992 wurden im Wallis die Sonderklassen nach und nach abgeschafft; das Prinzip der Ausgrenzung hatte ausgedient.
Jeder Schüler besucht seitdem den Kindergarten und die Primarschule. Gegebenenfalls erhalten Kinder mit Handicap Unterstützung durch Sonderpädagogen. Seit 1997 erfolgt die Einschulung nicht mehr in Martigny, sondern am Wohnort des Schülers.
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